Wie kann ein Grundkurs zum Städtebau auf die Zukunft hinarbeiten, wenn diese vor unseren Augen zu verschwinden droht? Wie können wir uns auf eine Umbruchszeit vorbereiten, in der viele der heutigen Gewissheiten, Techniken und gesellschaftlichen Praktiken verschwinden und durch neue ersetzt werden? Was sind die Aufgaben, was die Arbeitsmittel der nächsten Jahrzehnte, und wo liegt die Verantwortung der einzelnen Architektin, des einzelnen Architekten? Während in unserer Entwurfsklasse keine umfassenden Antworten auf diese Fragen gegeben werden können, kann die Auseinandersetzung mit dem Städtebau doch dazu dienen, sie erstmals auf dem größeren Maßstab entwerfend in den Blick zu nehmen und als Gruppe dazu Position zu beziehen. Die fundamentalen Fragen dienen uns als Mittel, um die Stadt zu entdecken und schließlich zu erfinden.

Die Erfindung des Alltäglichen

Kern dieser Entdeckung ist das Alltägliche. Nur in den seltensten Fällen geht es im Städtebau um wichtige öffentliche Räume, um "besondere" Orte. Meist geht es um das, was um diese Orte herum geschieht. Städtebau ist die Kunst, den Alltag zu erfinden, und dieser Alltag ist in den meisten Fällen natürlich immer schon da. Wir sind bereits von dessen Erfindungen umgeben, die wir verstehen und neu interpretieren bzw. umwandeln müssen. Insbesondere dann, wenn wir den Gedanken ernst nehmen, dass wir möglichst wenig Ressourcen verbrauchen sollten. Dafür müssen wir jeden einzelnen Stein umdrehen und dann handeln.

Komplementär zur Entwurfsklasse und in Ergänzung zu den methodischen Werkzeugen der Vorlesungen von Michaeli und Krucker/Bates werden im Zyklus "Das Projekt der egalitären Stadt" mit Exkursen in acht europäische Städte die Genese wichtiger städtebaulicher Konzepte erläutert. Die egalitäre Stadt ist das wohl wichtigste Motiv des modernen Städtebaus und wurde immer wieder unterschiedlich interpretiert. Heute sind wir mit vielen ihrer Fragmente konfrontiert und dazu aufgefordert, diese weiterzuarbeiten.

Unsere Professur möchte Sie herausfordern: Entwerfen Sie ein städtebauliches Projekt, aber entwerfen Sie auch ein "Manifest" - das mit dem Projekt natürlich unmittelbar zusammenhängen kann. Wir möchten Ihnen damit die Chance geben, im Studium Ihre Position - auch uns gegenüber - zu schärfen. Wir möchten, dass Sie uns mitteilen, warum Sie Architektur studieren, wie Sie sich in die Gesellschaft einbringen wollen, wie Sie Zukunft gestalten wollen. Vielleicht wissen Sie dies schon. Vielleicht finden Sie es im Laufe des Semesters gemeinsam heraus.

Ihre Aufgabe ist also kein Raumprogramm, wir geben Ihnen keine Quadratmeter und auch keine Dichteziffer vor. Die von Ihnen vorgeschlagene Transformation soll sich zuerst aus den Gegebenheiten des Ortes und Ihren Vorstellungen für die Zukunft herleiten.

3 Baufelder: Alte Kaserne, Sendlinger Feld, Steinhausen


Wir werden daher an drei Orten in München arbeiten, die Transformationspotenzial haben oder sich schon in der Transformation befinden. Wir möchten, dass Sie dieses Orte verstehen und zum Schauplatz Ihrer Intervention machen. Wie diese Intervention aussieht, bestimmen wir gemeinsam im Zuge des Semesters.

Wir nähern uns dem Ziel dabei über mehrere Komplexitäts- und Maßstabsstufen: Vom kleinmaßstäblichen Eingriff in der Übung - so klein wie eine Bank, ein Baum, ein Fenster… -, der konkrete Auswirkungen auf seine städtische Umgebung hat, bis zum letztlichen Projekt, mit dem das ganze Quartier verändert werden kann.