Projektplattform Sommersemester 2020

Weltoffene Landschaften . Cosmopolitan Landscapes

Thema und Hintergrund . Die weltweite Virus-Krise wird, abgesehen von der Frage, ob und wann die Menschheit immun gegen das Virus sein wird, aller Voraussicht nach, unsere kulturellen Gewohnheiten verändern. Im Zeitalter der Globalisierung leben wir bisher unter den Bedingungen der Kosmopolitisierung. Kosmopolitisierung ist ein nichtlinearer, dialektischer Prozeß, in dem das Universelle und das Kontextuelle, das Gleichartige und das Verschiedenartige, das Globale und das Lokale nicht als kulturelle Polaritäten, sondern als zusammenhängende und sich gegenseitig durchdringende Prinzipien zu entschlüsseln sind.“ (Ulrich Beck 2004)

Reisen in und Begegnungen mit Gästen aus aller Welt, unser lokales und globales Lebensgefühl, waren bisher von einer immer weiter zunehmenden Leichtigkeit geprägt. Davon profitieren wir als Landschaftsarchitekt*innen besonders, weil wir ja von jeher nicht nur kosmopolitisch ‚unterwegs‘ sind, um andere Orte und Situationen zu konsumieren (John Urry 1994), sondern vor allem, um unser Spektrum an Wissen zu erweitern, wie sich im Rahmen unserer Arbeit neue Begegnungsräume ‚produzieren‘ lassen. Entwerfen von Begegnungsräumen bedeutet immer auch das Übertragen von Erfahrungen aus der Welt an den Ort der Aufgabe. 
„It is a sense of place, an understanding of ‚its character’, which can only be constructed by linking that place to places beyond a progressive sense of place would recognize that, without being threatened by it. What we need, it seems to me, is a global sense of the local, a global sense of place.“ (Doreen Massey 1991)

Da wir das nun im Projekt nicht tun werden, weil keine gemeinsame Exkursion möglich ist, aber auch, weil dies nicht allein unser kurzfristiges Problem, sondern eine globaler Faktor sein könnte, wollen wir das ‚kosmopolitische Entwerfen‘ erst recht zum Thema machen. Das heißt, wir wollen versuchen, der Tätigkeit des raumübertragenden Entwerfens, die wir sonst eher unbewusst praktizieren, einmal systematisch auf den Grund zu gehen.


Projektgebiete . werden individuell ausgewählt, und zwar jeweils zwei Landschaften. a) eine Landschaft im Inland, in der Sie eine bedeutende Zeit Ihres Lebens verbracht haben und mit der Sie daher besonders gut vertraut sind und b) eine Landschaft im Ausland, in der Sie bereits einige Zeit verbracht haben, die Ihnen also vertraut ist und bei der Sie durch Landschaftsstrukturen getragene Begegnungsräume bereits kennen oder mittels Luftbildanalyse, bereits bestehenden eigenen Aufzeichnungen und Fotografien sowie Online-Recherche entdecken werden. 


Mapping . Das Arbeitsmittel hierfür sind Landkarten in einem Maßstab, in dem sich räumliche Qualitäten darstellen lassen, analytisch und konzeptionell. Dies sind seit dem 19. Jh. topografische Karten (Messtischblätter) im Maßstab 1:25.000, in denen 1 km 4 cm entspricht. Noch stärker verkleinernde Maßstäbe sind zum räumlichen Entwerfen kaum mehr geeignet. Im Projekt soll mit solchen Messtischblättern gearbeitet werden, um so eine gemeinsame Darstellungssprache zu nutzen. Die als Standards vorliegenden Legenden der Messtischblätter werden in der Gesamtgruppe der Projektplattform gemeinsam weiterentwickelt.

Mit den vorhandenen und neu zu erfindenden Symbolen, Schraffuren oder Kürzeln sollen Raumstrukturen kartiert werden, die soziale Funktionen tragen: 

  • Bachelorprojekt: als Begegnungsorte, öffentliche Landschaft, räumlicher Gebrauchswert
  • Bachelor-Thesis: als offene, gastliche, reflexive, kosmopolitische Räume
  • Masterprojekt: als alltägliche und universelle Räume

Literaturliste . 
Bachelorprojekt 
. LAREG. Landschaftsvertrag. Beiträge von Bauer, Alexandra; Schäfer, Julian; Schmölz, Michael; Einleitung und Schlusskapitel von Schöbel, Sören. 
. Als Anregung für die Verbindung mit dem Projektthema soll außerdem gelesen werden: Hesse, Herrmann . Die Kunst des Müßiggangs. Kurze Prosa aus dem Nachlass: Über das Reisen.

Bachelor-Thesis 
Die folgenden Bücher sollen in den ersten sechs Wochen des (Thesis-)Projekts gelesen und (ggf. unter Zuhilfenahme von weiterem Material) verstanden werden. 
Beck, Ulrich. Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. 
Ders. Der kosmopolitische Blick. oder: Krieg ist Frieden.
Ders. Die  Offene Stadt. Architektur in der reflexiven Moderne. (Aufsatz in: ders. Die feindlose Demokratie).
. Latour, Bruno . Das terrestrische Manifest.
Wer möchte, kann zusätzlich Derrida . Von der Gastfreundschaft anlesen. 

Masterprojekt 
ARCH+ Diskurse . 
ARCH+ 238 . Combette, Marie /  Pybaro, Clémence /  Batzenschlager, Thomas . Erforschung des Alltäglichen – Die öffentlichen Räume von Valparaíso.  
ARCH+ 230 . Kerner, Ina . Universalismus.
Außerdem: 
Massey, Doreen . A Global Sense of Place.
Latour, Bruno . Das terrestrische Manifest.