Offene Begegnungsorte ländlicher Milieus

Zur raumsozialen Wirksamkeit ungeplanter öffentlicher Räume und freier Landschaft in der ländlichen Entwicklung

Für den Erhalt der Vitalität, Stabilität und Attraktivität ländlicher Räume ist es entscheidend, dass sowohl alte wie auch neue Bewohner und Beschäftigte an ihrem Wohn- und Arbeitsort sowohl persönliche Verbundenheit (Identifikation) wie gemeinschaftlichen Zusammenhalt (Kohäsion) erfahren können.

Aus der sozialräumlichen Praxis von Städten ist bekannt, dass örtliche Identifikation und Kohäsion besonders durch die Existenz und die Qualität lokaler, öffentlicher Erfahrungs- und Begegnungsräume gefördert werden. Dabei spielen in sich wandelnden sozialen Strukturen wiederum gerade solche Begegnungsorte eine besondere Rolle, die spontan, das heißt ungeplant oder unwillkürlich entstehen. Sie sind eher zwischen repräsentativen Orten und nachbarschaftlichem Wohnumfeld zu lokalisieren, liegen also gerade nicht im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung, sind aber auch nicht bestimmten Gruppen vorbehalten. (vgl. Ipsen, D: Die sozialräumlichen Bedingungen der offenen Stadt. In: Matejovski, D. (Hg): Metropolen als Laboratorien der Moderne. Frankfurt/Main 2000; ders.: Kultur der Orte. In: ders.: Ort und Landschaft. Wiesbaden 2006, S. 248-259)

In der Ländlichen Entwicklung liegt der Fokus zunächst auf den repräsentativen Ortskernen und ‚strukturrelevanten‘ Gebäuden und Freiflächen der Dörfer und Städte. Eher beiläufige, unwillkürlich entstehende öffentliche Räume und freie Landschaft, ‚außen‘, ‚zwischen‘ oder ‚am Rand‘ liegende Orte, werden dagegen bislang nicht systematisch erfasst. Wenn aber künftig davon auszugehen ist, dass offene Begegnungsorte in den gewandelten sozialen Strukturen ländlicher Milieus ebenfalls eine wichtige integrative und kohäsive Wirkung entfalten, können diese insbesondere für Gemeinden im Strukturwandel, wie auch für ein staatliches Programm der Sozialen Dorfentwicklung, das im Sinne eines ‚Perspektivwechsels‘ den Fokus von rein baulichen Maßnahmen auch auf die Förderung von sozialen Prozessen verschieben soll (vgl. Strategiepaper „Soziale Dorfentwicklung“. Beschlossen von der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Nahhaltige Landentwicklung am 04.09.2017, S. 4f.), von Interesse sein.

In diesem Sinne stellen sich für die kommunalen Akteure und die Ländliche Entwicklung ganz konkrete Fragen nach einer Neujustierung von Widmungen und Entwicklungsmaßnahmen im öffentlichen Raumangebot und der freien Landschaft, nicht nur als sozialpolitische Maßnahme, sondern auch im Verständnis, dass es sich dabei um einen wichtigen ‚Aktivposten‘ des kommunalpolitischen ‚Portfolios‘ handelt. Dies ist zunehmend der Fall, weil Siedlungs- und Landschaftsqualitäten heute als zentrale Qualitätsmaßstäbe für eine zukunftsfähige ländliche Entwicklung gelten.

Im Rahmen der hier skizzierten Studie sollen als erster Schritt in einem Querschnitt durch ländliche Orte in Bayern bestehende öffentliche Freiräume und die freie Landschaft auf integrative und kohäsive Wirkungen und Potenziale hin untersucht und nach Gemeinsamkeiten geordnet werden. Dazu sollen an sieben Orten, verteilt auf die Regionen Bayerns, in den Siedlungsräumen und der umgebenden Kulturlandschaft jeweils typische Situierungen solcher öffentlichen Begegnungsorte erfasst werden. Hierfür sollen jeweils soziale Nutzungen, strukturelle und räumliche Qualitäten in Text, Plan und Bild beschrieben und Handlungsempfehlungen zu ihrer systematischen Bestandsaufnahme, ihrer planerischen Bewertung und ihrer – im Sinne eines eher passiven ‚Nischen- und Milieuschutzes‘ notwendigerweise behutsamen – Entwicklung gegeben werden. So soll geprüft werden, ob innerhalb oder zwischen den Themen ‚Wohnen‘ und ‚Gemeinschaftsleben‘ ein weiteres Handlungsfeld ‚offene Begegnungsorte‘ der Sozialen Dorferneuerung, res. der sozialen ländlichen Entwicklung systematisch zu berücksichtigen ist.

 

Förderung

Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern

Laufzeit

Oktober 2019 – September 2020