Forschung

Qualitative Forschung in der Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung

WARUM qualitative Forschung?

Gesellschaften verändern sich. Veränderte soziale Verhältnisse, Werthaltungen und Wahrnehmungen lassen neue Lebenswelten entstehen. Sie sind nicht mehr von großen gesellschaftlichen Klassen oder Schichten geprägt, sondern von einer Vielzahl von - wählbaren - Lebensstilen und - nicht wählbaren - Lebenssituationen (Stefan Hradil).

Mit den Gesellschaften wandelt sich der Raum. Wenn unsere Vorstellung des Raums mehr ist als die eines Behälters, nämlich die einer komplizierten Struktur aus Verhältnissen zwischen Dingen und Menschen, dann wirken sich gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar auf diesen Raum aus. Auch Stadt, Freiraum und Landschaft als solche gesellschaftlichen Vorstellungen von Raum wandeln sich so grundlegend.

Landschaftsarchitektur, Landschafts- und Freiraumplanung beruhen auf Wissen über die Verhältnisse, Wahrnehmungen und Werthaltungen der Gesellschaft zum Raum. Dieses Wissen wird anhand verschiedener Analysemethoden generiert. Landschaftsarchitekten erneuern ihr 'Wissen'
- in der Objektplanung durch intuitive, kreative Entwürfe für spezifische Situationen,
- in der Freiraum- und Landschaftsplanung durch Ableitungen aus allgemeinen Konzepten (Gesetze, Pläne) und aus Messungen (Befragungen, Kartierungen).
Doch so einfach ist es in der Praxis nicht: auch der Entwurf bewegt sich in einem konzeptionellen Rahmen (Konventionen, Leitbilder) und auch die Planung unterliegt kreativen Momenten (Naturideale, Landschaftsbilder).

Auf einen Wandel von Gesellschaft und Raum zu reagieren verlangt von Landschaftsarchitekten und -planern, bisherige Vorstellungen sozialer und räumlicher Verhältnisse in Frage zu stellen und solche Methoden anzuwenden, die neues Wissen generieren können: Neue Konventionen, Leitbilder, Naturideale und Landschaftsbilder.

Für ein solches Verfahren liefern verschiedene Wissenschaften Vorbilder: die Sozial-, Kultur- und Wirtschaftswissenschaften, die Mathematik. Hier werden bestimmte Formen der Marktforschung, Sozialstrukturkonzepte wie die Lebensstil- und Milieutheorie und Cultural Studies oder auch eine nicht-euklidische Geometrie unter dem Begriff Qualitative Verfahren zusammengefasst.

WORIN liegt der Unterschied zwischen qualitativen und quantitativen Methoden?

Analysen sind systematische Untersuchungen, bei denen der untersuchte Gegenstand in seine Bestandteile zerlegt, geordnet, untersucht und ausgewertet wird. Solche Analysemethoden, die auf Ableitungen (Deduktion) oder Messungen (Induktion) beruhen, werden als quantitative Verfahren bezeichnet. Analysen, die auf kreativen Schlussverfahren (Abduktion) beruhen, als qualitative. Die Unterschiede lassen sich an einem idealtypischen Ablauf für beide Verfahren zeigen:

Quantitative Verfahren gelten als die 'klassischen' Methoden zur Analyse. Mit ihnen wird eine zuvor bestimmte Datenmenge zusammengestellt und anhand festgelegter Kriterien aufgeteilt oder gemessen. Ziel ist, die Daten eindeutig bestimmten Kategorien zuzuordnen, die auf Unterschieden beruhen ('Schubladen').

In der Freiraumplanung wird beispielsweise als Gegenstand die 'Freiraumversorgung' untersucht. Dabei wird davon ausgegangen, dass Freiraum versorgen, also eine Leistung erbringen kann und dass die zur Verfügung stehende Fläche pro Nutzer als Kriterium für die Güte dieser Versorgung heranzuziehen ist: „Ein Wald muß als überlastet bezeichnet werden, wenn in einer Sichtweite von weniger als 50 m je 5 Personen gleichzeitig lagern oder promenierend Erholung suchen. Diese Beanspruchung der Wälder würde bedeuten, daß auf jede Person nicht weniger als 500 qm Waldfläche entfallen dürfte.“ (Martin Wagner: Das Sanitäre Grün der Städte – Ein Beitrag zur Freiflächentheorie. 1915, 31). Nach Wagner lassen sich 'versorgte' und 'nicht versorgte' Stadtteile unterscheiden und diese Kategorien bilden nach wie vor einen Kern kommunaler Freiraumplanungen. Während solche Beweisführungen für homogen bebaute (Mietskasernen), homogen bewohnte (Arbeiter) Stadtteile dringend erforderlich waren, können sie nicht erfassen, wenn sich etwas grundlegend ändert, etwa dass Freiraum heute mit ganz anderen Qualitäten verbunden wird (z.B. abhängig von der jeweiligen Erlebnishaltung des Besuchers oder von der Dichte urbaner Begegnungen).

Das Erfassen solcher Veränderungen ist in Qualitativen Verfahren möglich. Auch diese ziehen zur Analyse Daten heran, wobei unter Daten ein weites Feld von Gegebenheiten verstanden wird, zu denen neben Schrift auch Bilder oder Architektur etc. zählen können. Qualitative Verfahren definieren nicht zu Beginn die Kriterien, sondern suchen nach einem möglichst großen Spektrum an Perspektiven der Betrachtung. Die Gegenstände der Untersuchung werden nicht einer induktiven Messung oder deduktiven Ableitung unterzogen, sondern einer Interpretation zugeführt, die als Abduktion (oder auch Transduktion) bezeichnet wird. Sie bedeutet, anhand bestimmter Techniken gezielt nach dem Neuen, Unbekannten zu suchen, also Vermutungen anzustellen, einen Entwurf zu fertigen, der sich allerdings direkt auf die untersuchten Gegebenheiten bezieht. Aus einem solchen, suchenden Verfahren ergibt sich eine Menge möglicher Interpretationen. Diese werden im weiteren Verlauf einer qualitativen Analyse auf Relationen, also Gemeinsamkeiten untersucht und zu Gruppen – 'Clustern' – zusammengefügt. So entstehen neue Kategorien, die auf Gemeinsamkeiten beruhen und nicht, wie die vorausgesetzten Kategorien der quantitativen Analyse, auf Unterschieden (die Kategorien sind also eher 'Knäuel' als 'Schubladen').

In der Freiraumplanung lassen sich mit qualitativen Verfahren neue Planungsziele und -kategorien untersuchen. Eine entsprechende Analyse der Berliner Freiraumstruktur 'abduzierte' aus verschiedenen aktuellen Leitbildern der Stadtentwicklung ('Nachhaltige Stadt', 'Bürgerstadt', 'Dritte Stadt' etc.) 19 zeitgemäße Qualitäten von städtischem Freiraum und die 5 neuen Planungskategorien 'Offenes Grün', 'Regiegrün', 'Strukturgrün', 'Produktgrün' und 'Lantentes Grün'. Mit diesen ist es möglich, Planung und Verwaltung städtischen Freiraums, Programme, Richtwerte, die Ausgleichskonzeption, die Pflege und Unterhaltungsmodelle der Grünämter den aktuellen Herausforderungen der Stadtentwicklung anzupassen (Sören Schöbel: Qualitative Freiraumplanung. 2003).

WELCHE Beispiele für qualitative Forschung gibt es?

Qualitative Methoden wurden in den angewandten Sozialwissenschaften, aber auch der Mathematik entwickelt und finden heute unter anderem in den Kulturwissenschaften, den Wirtschaftswissenschaften, der Psychologie oder auch der Informatik Anwendung. Als Beispiele aus dem Bereich der räumlichen Planung können genannt werden:

. Kevin Lynch: Das Bild der Stadt (qualitative Methode der Mental Maps)
. Studio Basel: Die Schweiz. Ein städtebauliches Porträt (qualitative Methode der Bohrungen und entworfenen Karten)
. Joachim Huber: Urbane Topologie (qualitative Methodologie zu Raum, Struktur und Kontext der randlosen Stadt)
. Research by Design (Methoden des forschenden Entwerfen und entwerfenden Forschens)
. Cultural Landscape Studies (Methode der dichten Beschreibung)
. Qualitative Freiraumplanung (Methode der Interpretation von Leitbildern)

zum Weiterlesen: Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Hrsg.: Uwe Flick, Ernst von Kardorff u. Ines Steinke