Das Labor für die Alltägliche Stadt und die Pandemie

April 2020

Wir befinden uns in einer globalen Krise, von der wir noch nicht wissen, wohin sie führen wird. Unser Manifest sehen wir jedoch auf unerwartete Art und Weise bestätigt: Die „Große Beschleunigung“ wird durch das sich – ebenfalls beschleunigt – ausbreitende Virus gebremst, viel brutaler und schneller, als wir jemals befürchtet haben. Denn das insbesondere für die weniger Privilegierten katastrophale Ereignis der Pandemie ist in Ursache, Ablauf und Effekten eng mit unserer hoch beschleunigten, globalisierten und blind Ressourcen fressenden und wirtschaftsorientierten Lebensweise verknüpft. Wie vergangene Pandemien legt auch diese schonungslos die Stärken und Schwächen unserer Lebensweise offen. Sie lässt drängende Fragen des Umgangs mit der Umwelt, des Ressourcenteilens, aber auch der Solidarität und Zugänglichkeit, sowie der Notwendigkeit lokaler und globaler Kooperation stärker hervortreten.

Wir nehmen die Corona-Epidemie daher als gesellschaftliche und intellektuelle Herausforderung an. In unseren Lehrformaten gehen wir auf die Situation ein, soweit dies möglich und sinnvoll ist. Der MA-Entwurf zum Thema Klimakatastrophe bzw. deep adaptation wird forschungslastiger durchgeführt, denn wir können aus der momentanen Situation direkt über den zukünftig öfter zu erwartenden „Krisenmodus“ lernen. Im BA-Entwurf zum Thema der kooperativen Stadt setzen wir den inhaltlichen Fokus noch stärker auf das „danach“, das für uns zwingend kooperativ geprägt sein muss. Die ursprünglich geplante „Interventionsklasse“ als BA-Thesis wird in den virtuellen Raum verlagert und interessiert sich vor allem auch für die Frage, wie die nun aufscheinenden positiven Seiten des Lockdowns, wie zum Beispiel die Reduktion der CO2 Emissionen, für langfristige Veränderungen nutzbar gemacht werden können. Und statt dem dieses Semester im Stadtraum nicht durchführbaren „Walkscapes“-Seminar bieten wir ein Seminar an, das Studentinnen und Studenten zur Aktion und gesellschaftlichen Teilhabe ermutigt – beispielsweise im Landwirtschaftssektor („Corona-Ethnographien“)

Bitte kontaktieren Sie uns jederzeit per E-Mail unter info.ud@ar.tum.de. Aktuelle Informationen der TUM zum Coronavirus finden sich auf der website https://www.tum.de/die-tum/aktuelles/coronavirus/.

 

The Laboratory for the Everyday City and the pandemic

April 2020

We are in the midst of a global crisis, of which we do not yet know where it will lead. However, we see our manifesto confirmed in an unexpected way: The "Great Acceleration" is being slowed down by the virus, which is also spreading at an accelerated rate, much more brutally and rapidly than we ever feared: This event, which is catastrophic especially for the underprivileged, has its roots in our highly accelerated, globalized and blind resource-consuming way of life. It brings to the fore pressing issues of environmental management, resource sharing, solidarity and accessibility, and the need for local and global cooperation.

We therefore accept the corona epidemic as a social and intellectual challenge. In our teaching formats we address the situation as far as this is possible and reasonable. The MA studio on the topic of climate catastrophe, and deep adaptation, is being conducted in a more research-intensive way, as we can learn directly from the current situation about the "crisis modes" that are to be expected more often in the future. In the BA studio on the topic of the cooperative city, we focus even more strongly on the "afterwards", which for us must be characterized ever more by cooperation. The originally planned "intervention class" as a BA thesis is shifted to virtual space and is interested above all in the question of how the positive aspects of the lockdown, e. g. less carbon emission, which are now also appearing, can be used for long-term changes. And instead of the "Walkscapes" seminar, which is not feasible in urban space this semester, we offer a seminar that encourages students to take action and participate in society - for example in the agricultural sector ("Corona ethnographies").

Please contact us by E-mail any time. Current information from TUM on the corona virus to be found here: https://www.tum.de/die-tum/aktuelles/coronavirus/.

 

Post-Beschleunigungs-Städtebau | Manifest

Wir stehen am Ende einer über 70-jährigen Epoche, der „Großen Beschleunigung“, in der sich der menschliche Einfluss auf die Umwelt beispiellos beschleunigt hat, getrieben durch technische Entwicklungen, wirtschaftliche Interessen und damit verbundene Ideologien. Das Fanal dieser Zeit ist gekommen, wie bereits vor mehr als 40 Jahren vom „Club of Rome“ prognostiziert: Wir erleben eine weltweite Krise der Ökosysteme und damit den sukzessiven Verlust unserer Lebensgrundlagen.

Die globale Erwärmung ist dabei nur eine von vielen Folgen eines Lebensstils, der seine negativen Auswirkungen in andere Regionen und Länder verlagert. Dieser Lebensstil lässt sich auch nicht mit technischem Wandel oder einem „grünen Wachstum“ weiterführen, und seine Folgen beginnen schon jetzt die Hauptverursacher – uns – einzuholen. Daher muss und wird sich unsere Lebensweise radikal ändern – aus ökologischen, moralischen und schlussendlich auch ökonomischen Gründen. Einen radikalen Wandel weg von einer weiteren Beschleunigung zu fordern, ist nicht ideologisch, sondern höchst rational. So müssen Auto- und Flugverkehr stark reduziert werden, die Ernährung anderen Imperativen folgen, das Wachstum des BIP oder des DAX nicht mehr mit Fortschritt gleichgesetzt werden. Unsere Gesellschaften müssen sich neu erfinden.

Im Zentrum dieses Prozesses steht das Projekt der egalitären Stadt, dessen Weiterentwicklung unsere Kernaufgabe als Professur für Städtebau der TU München ist. Denn unsere Städte leben von Offenheit, Chancengleichheit, von der Wertschätzung des öffentlichen Guts und des öffentlichen Raums, und dem gestalterischen Ausdruck dieser Werte. Um diese Eigenschaften in der kommenden Krise zu erhalten, muss diese – auch ästhetisch – antizipiert werden, zugleich aber Strategien entwickelt werden, wie diese Offenheit erhalten bleiben kann.

Es liegt in der Verantwortung der Politik, den bevorstehenden Wandel einzuleiten, indem sie die Rahmenbedingungen mutig verändert und der Bevölkerung den existenziellen Charakter der gegenwärtigen Situation vermittelt. Unser Beitrag besteht darin, aus dem städtebaulichen Blickwinkel die Situation zu benennen, Wissen zu erarbeiten, und Wege aufzuzeigen, wie die europäischen Städte auf andere Art und Weise weiterentwickelt werden können. Der Post-Beschleunigungs-Städtebau wird gerade erst erfunden und entdeckt.

Wir bauen dafür ein Netzwerk aus Verbündeten auf, mit denen wir gemeinsam an Projekten und Allianzen arbeiten. Zudem bereiten wir die nächste Generation von Architektinnen und Städtebauern auf die kommenden Veränderungen vor. Dafür müssen wir auch selber Pioniere für den neuen Lebens- und Arbeitsstil werden.

Mit der Neubesetzung der Professur für Städtebau der TU München lancieren wir dafür das „Labor für die Alltägliche Stadt“. Denn wir stehen am Beginn einer neuen Epoche und damit einer neuen Art und Weise, wie unser Alltag organisiert wird. Dies kann – immer noch! – dazu führen, dass es mehr Menschen besser gehen wird. Das Labor ist Experimentalraum dieses neuen Alltags und steht als Verbündete allen offen, die diese positive Gestaltung der neuen Epoche mit uns zusammen angehen wollen. Dabei ist auch die Arbeitsweise des Labors selbst ein Experiment, das wir dokumentieren.

Im Labor arbeiten wir nach folgenden Grundsätzen:

  • Wir machen unsere Arbeitsweise transparent und arbeiten auch in der Veröffentlichung unserer Ergebnisse nach dem „open source“-Prinzip

  • Wir geben jährlich Rechenschaft über die Auswirkungen unserer Tätigkeit auf den Planeten und bauen Partnerschaften mit Kompensationsprojekten auf

  • Als Professur fliegen wir möglichst wenig und dann gar nicht, wenn wir ein Ziel in weniger als zehn Stunden mit dem Zug erreichen können

  • Wir lehren und fördern kooperative Ideen und Prinzipien der Mitbenutzung als wichtige Kenntnisse für die Zukunft

  • Wir arbeiten im öffentlichen Raum und beziehen die Öffentlichkeit mit ein

  • Wir bekennen uns zur Stadt München als Gemeinwesen und arbeiten an konkreten Veränderungen vor Ort

  • Die Suche nach dem neuen Alltag verknüpfen wir stets auch mit gestalterischen und stadträumlichen Fragen.

Diese Grundsätze werden hinterfragt, erweitert und verändert. Denn wir schreiben zwar Manifeste, dogmatisch sind wir deshalb aber noch lange nicht!

Das Labor für die Alltägliche Stadt
April 2019

Post-Acceleration Urban Development | A manifesto

We are at the end of an era that has lasted over seventy years, the 'Great Acceleration', during which human impact on the environment accelerated at an unprecedented speed, driven by technical developments, economic interests, and related ideologies. The warning light for this era is flashing, as predicted over forty years ago by the Club of Rome: we are experiencing a global crisis of ecosystems and, as a result, the gradual loss of our basic living resources.

Global warming is just one of many consequences of a lifestyle that displaces its negative impacts to other regions and countries. This lifestyle cannot be maintained, even with a technological transition or ‘green growth’, and its consequences are already beginning to catch up with the main polluters — ourselves. Hence, our way of life must and will change radically — for ecological, moral and, ultimately, economic reasons. A radical move away from further acceleration is not an ideological demand but a highly rational one. Thus, road and air traffic will have to be strongly reduced, our diets will have to follow other imperatives, and the growth of GDP or the DAX can no longer be equated with progress. Our societies need to reinvent themselves.

At the heart of this process stands the egalitarian city project, whose further development is the core task of our Chair of Urban Design at the Technical University of Munich. Indeed, our cities draw their vitality from openness, equal opportunity, and the appreciation of the public good and public space — and the creative expression of these values. In order to preserve these qualities during the impending crisis, it must be anticipated, including in aesthetic terms but, at the same time, strategies aiming to maintain this openness need to be developed.

It is the government's responsibility to usher in the imminent transition by courageously changing framework conditions and conveying to the population the vital significance of the current situation. Our contribution entails identifying the situation from an urban perspective, developing knowledge, and pointing out the new ways in which European cities can be further developed. Post-Acceleration Urban Development is being invented and discovered right now.

To this end, we are building a network of like-minded individuals and organisations, with whom we will work together as partners on projects and alliances. In addition, we are preparing the next generation of architects and urban planners for the impending changes. To accomplish this, we will also have to become pioneers of a new way of life and changing world of work.

On the occasion of the appointment of the new Chair of Urban Design at the Technical University of Munich, we are launching the ‘Laboratory for the Everyday City’. For we are at the beginning of a new era and, thus, of a new mode of organisation of our everyday life. This may, despite the circumstances, still lead to improvement in more people's lives. The laboratory is the experimental space for this new everyday. It is open as a partner organisation to all those who wish to positively shape the new era together with us. Thereby, the way the lab will work will itself constitute an experiment, that we will document.

The following principles will be followed in the laboratory:

  • We will work in a transparent way and publish our results according to the ‘open source’ principle

  • We will report annually on the impact of our activity on the planet and build partnerships with compensation projects

  • As the Chair, we will fly as little as possible, and not at all if we can reach a destination in less than ten hours by train

  • We will teach and promote cooperative ideas and shared-use principles as a form of knowledge that is important for the future

  • We will work in public space and involve the public

  • We are committed to the city of Munich as a community and will work towards concrete changes on the ground

  • We will also constantly connect the search for the new everyday life with issues related to design and urban space.

We will scrutinise, expand and modify these principles. For we may well write manifestos, but are far from being dogmatic!

Laboratory for the Everyday City
April 2019