Klimanotstand München – Climate Emergency Munich

Urban Design Research non-Studio

Prof. Benedikt Boucsein, Elif Simge Fettahoglu, Daniel Zwangsleitner

“I think that it is easy for us to agree that, in modernism, people are not equipped with the mental and emotional repertoire to deal with such a vast scale of events; that they have difficulty submitting to such a rapid acceleration for which, in addition, they are supposed to feel responsible while, in the meantime, this call for action has none of the traits of their older revolutionary dreams.”

(B. Latour, Agency at the time of the Anthropocene, New Literary History Vol. 45, pp. 1-18, 2014)

“[I] feel it coming, a series of disasters created through our diligent yet unconscious efforts. If they’re big enough to wake up the world, but not enough to smash everything, I ‘d call them learning experiences, the only ones able to overcome our inertia.”

(Denis de Rougemont, cited in  Partant 1979)

Die Zukunft, von der wir dachten, wir hätten vielleicht noch ein Jahrzehnt, um uns auf sie vorzubereiten – jetzt ist sie plötzlich da. Die gegenwärtige Herausforderung ist dabei ein nicht-menschlicher Aktand (Latour) Und das wahrscheinlich nicht zum letzten Mal. In der sogenannten „Corona-Krise“ erhalten wir eine Vorschau auf das, was uns im Anthropozän erwartet. Das Aufkommen und die rasche Verbreitung des Virus ist in dieser Drastik nur durch Globalisierung und Vernetzung möglich geworden. Aller Voraussicht nach erwarten uns weitere, ähnlich schwere Krisen, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Erderwärmung. Das 21. Jahrhundert wird also radikal anders als das 20. sein (was aus historischer Sicht auch nicht verwundern sollte). Gewohnte Gewissheiten, Techniken und gesellschaftliche Praktiken werden verschwinden. Unsere Verantwortung und Aufgaben als Architektinnen und Städtebauer werden sich ebenfalls fundamental ändern.

Bisher haben Wissenschaft und Gesellschaft die Vulnerabilität unserer urbanen Strukturen gegenüber den Risiken, die ein logischer Nebeneffekt unserer gegenwärtigen Lebensweise sind, heruntergespielt bzw. verdrängt. Auf der Suche nach alternativen und gewissermaßen realistischeren Sichtweisen gerät Jem Bendell’s Konzept der „deep adaptation“ (siehe hier) in den Fokus: Er plädiert dafür, sich auf den Kollaps bestimmter Systeme, die momentan unser Leben ordnen, vorzubereiten – und dies positiv als Chance zur Veränderung zu begreifen. Für den Städtebau stellt sich damit die Frage: Welche Infrastrukturen, welche Systeme sind in Klima- und anderen Krisen resilient, welche vulnerabel? Wo bestehen Ungleichgewichte im Kosten-Nutzen-Verhältnis solcher Systeme? Wie kann auf Basis unserer heutigen Lebensweise eine Modell entstehen, das weniger Ressourcen verbraucht, aber nicht auf die Fortschritte verzichtet, die wir als Gesellschaft bisher erreicht haben? Auf welche Szenarien müssen wir die urbanen Systeme vorbereiten? Und wie kommunizieren wir all dies der Gesellschaft?

Die Professur für Urban Design beschäftigt sich im Zuge einer langfristig angelegten Recherche mit dem Zusammenhang von deep adaptation und Städtebau. Die aktuelle Situation sehen wir als Episode, in der wir an der Realität erforschen können, was deep adaption konkret bedeutet. Die Krise verdeutlicht die Vulnerabilität unserer Systeme, vor allem aber werden durch sie zahlreiche Selbstverständlichkeiten unseres globalisierten und ressourcenintensiven Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells hinterfragt.

In diesem Kontext führen wir das Urban Design Research non-Studio (UDRnS) am Fallbeispiel München durch. Unser Ziel ist es zum einen, einen „Notfallplan“ (das „Emergency Book“) für kommende Krisen zu erstellen. Zum anderen interessiert uns, wie sich bestimmte Räume in der Stadt in den nächsten Jahrzehnten verändern werden. Wir nehmen dabei Orte wie die Theresienwiese oder den Vitkualienmarkt, aber auch typische alltägliche Stadtquartiere in den Blick. Was bedeuten Hitzesommer, Engpässe in der Versorgung, ökologische Probleme, aber auch spätere Pandemien für die Transformation dieser Orte? Welche Bilder brauchen wir, um den Menschen die kommenden Veränderungen zu vermitteln? Auf was müssen wir sie als Architekt*innen und Städtebauer*innen vorbereiten? Wie entwerfen wir die Stadt, die nach der „Großen Beschleunigung“ kommt? Vor allem: Wie tun wir dies im Sinne eines positiven Narrativs, das gleichzeitig aber nicht einfach den Fortschrittsparadigmen des 20. Jahrhunderts folgt?

Wir sind uns der Notwendigkeit bewusst, die konventionellen Lehrmethoden des Studios an die gegenwärtigen Bedingungen der Krise anzupassen. Wir nutzen dies als Gelegenheit, reflexiv über diese Methoden nachzudenken. Anstatt uns an ein Gefühl der Normalität zu gewöhnen, betrachten wir dies als Möglichkeit, uns an neuartige Formen der Interaktion, des Denkens und der Produktion anzupassen, die höchstwahrscheinlich eine neue Dynamik in das einbringen wird, was wir als Nicht-Studio bezeichnen.

Im Studio werden wir uns nach einer Grundlagenermittlung der verschiedenen relevanten Systeme der Stadt über die Szenario-Methode an deren Veränderung annähern. Dabei interessieren uns menschliche und nicht-menschliche Aktanden gleichermaßen, wir werden uns also auch mit den Theorien von Bruno Latour und Donna Haraway auseinandersetzen. Bei der Erstellung der Szenarien leitet uns insbesondere auch die Beobachtung der gegenwärtigen Krisensituation, die uns als eine Art Kontrastfolie zur besseren Erkenntnis dient. Ausgehend von den Szenarien werden wir deren Auswirkungen auf einzelne Orte diskutieren und mittels Visualisierungen auch darstellen. Die entwerferischen Interventionen können von weitreichenden Veränderungen (z.B. durch extensive Bepflanzung oder auch Ansiedeln eines nicht-menschlichen Aktanden) bis zu minimalen Eingriffen (z.B. durch Anpassung der Nutzungsrhythmen) reichen. Die Geschichte, was deep adaptation im Zusammenhang mit dem Städtebau bedeutet, wurde noch nicht geschrieben. In diesem Semester schlagen wir ein erstes Kapitel auf.

 

Abstract eng (204 words)

The future, which we thought we had maybe another decade to prepare for is now suddenly here. In all likelihood, we can expect further crises of similar severity, especially in the context of climate change. The 21st century will, therefore, be radically different from the 20th. Conventions, techniques and social practices we are familiar with will disappear. Our responsibilities and roles as architects and urban planners will also change fundamentally. Until now, science and society have played down or denied the vulnerability of our urban structures to the risks that are direct side effect of our current way of life. In the search for alternative and, in a sense, more realistic perspectives, Jem Bendell's concept of “deep adaptation” (2018) calls for a shift: He urges us to prepare for the collapse of certain systems that currently govern our lives - and to see this as an opportunity for positive change. In this context, we conduct the Urban Design Research non- Studio in the summer semester 2020 (UDRnS) by taking Munich as a case. On the one hand, our goal is to create an "emergency plan" for upcoming crises. On the other hand, we are deeply interested in how urban spaces will change over the next decades.