Kooperative Stadt rebooted

Prof. Benedikt Boucsein, Elettra Carnelli, Vanessa Dörges, Matthias Faul, Isabel Glogar, Mareike Schmidt

Angesichts unseres Grundkurses zum Städtebau sprachen wir im Sommersemester 2019 von der Vorbereitung auf eine Zeit des Umbruchs. Gegenwärtig erleben wie eine Art Vorschau, vielleicht auch schon den Anfang dieses Umbruchs. Die gesamte Menschheit ist im Krieg, und sie kämpft nicht gegeneinander, sondern gegen einen nicht-menschlichen Aktanden (Bruno Latour), und das wahrscheinlich nicht zum letzten Mal. Kurzfristig mögen es Viren sein, mittel- und langfristig werden wir uns aber auch mit ähnlicher Heftigkeit mit anderen Folgen unseres Lebensstils auseinandersetzen müssen. CO2 und Erderwärmung stellen von diesen nur die „prominentesten“ dar. Willkommen im Anthropozän!

Es tritt nun also das ein, was sich seit längerem andeutet: Das 21. Jahrhundert wird radikal anders als das 20. sein. Bestimmte Gewissheiten, Techniken und gesellschaftliche Praktiken werden verschwinden. Unsere Aufgaben als Architektinnen und Städtebauer werden sich ebenfalls verändern. Wir wollen die gegenwärtige Situation daher als Möglichkeit wahrnehmen, die Dinge klarer zu sehen und in die Zukunft nach der „Corona-Krise“ zu blicken, ohne uns von ihr die Sicht verstellen zu lassen.

Die erste Auseinandersetzung im Studium mit dem städtebaulichen Maßstab widmet sich daher dem reboot – und zwar demjenigen der Kooperativen Stadt. Denn das Virus ist nicht einfach zufällig über uns gekommen. Seine Effekte sind in dieser Drastik nur möglich durch die Globalisierung, durch die Vernetzung, und durch einen ungeheuren Raubbau an der Natur. Das Virus trifft zudem oft auf Gesellschaften, in denen das kooperative und solidarische Element in den letzten Jahrzehnten zusehends durch Individualismus und Profitorientierung verdrängt wurde. Da wir unerschütterliche Optimisten sind, glauben wir entsprechend daran, dass der reboot eine bessere Gesellschaft hervorbringen kann und wird. Den reboot sehen wir dabei kurzfristig im Spiegel der gegenwärtigen Krise, vor allem aber mittel- und langfristig.

Nukleus der neuen, alten Stadt sind für uns kooperative Projekte, allem voran Genossenschaften, aber auch soziale Vereine und andere bottom-up-Initiativen. Im Semester begleitet uns das Thema daher auf unserem Weg der (virtuellen) Erkundung alltäglicher Quartiere in München. Wir knüpfen dabei direkt an Initiativen wie die „Alte Utting“, soziale Vereine und existierende kollaborative Wohnprojekte an. Sie alle gehen von der Überlegung aus, in Zukunft möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen und sich gegenseitig so viel wie möglich zu helfen. Jeder unserer Entwürfe hat trotzdem auch Auswirkungen auf den Stadtraum und beteiligte Akteure und Aktanten wie die Umwelt, Flora und Fauna. Kooperation bedeutet deshalb auch, in Verhandlung zu treten: mit der Stadtplanung, mit der lokalen Wirtschaft, den Investoren, den Bürgern, den Gewerbetreibenden, aber auch den weniger lauten und oft unsichtbaren wie Flüchtlingen oder Obdachlosen. Wir beschäftigen uns unter anderem mit der Frage, wie Produktion und Wohnen zusammengedacht werden können, Ressourcen eingespart und der Stadtraum aktiv mitgestaltet werden kann.

Unsere Professur möchte Sie herausfordern: Entwerfen Sie ein städtebauliches Projekt, aber entwerfen Sie auch ein "Wiederaufbaumanifest" - das mit dem Projekt natürlich unmittelbar zusammenhängt. Wir möchten Ihnen damit die Chance geben, im Studium Ihre Position - auch uns gegenüber - zu schärfen. Wir möchten, dass Sie uns mitteilen, warum Sie Architektur studieren, wie Sie sich in die Gesellschaft einbringen wollen, wie Sie Stadträume in Zukunft gestalten wollen. Vielleicht wissen Sie dies schon. Vielleicht finden Sie es im Laufe des Semesters gemeinsam heraus.

Wir geben Ihnen also kein Raumprogramm, keine Quadratmeter und auch keine Dichteziffer, jedoch einen Ort Ihre Ideen zu testen und gemeinsam städtebauliche Strategien anzudenken. Zudem haben wir für jeden der drei Bauplätze ein Szenario für eine kooperative Bespielung skizziert. Auf Grundlage dieser Ideen soll sich die von Ihnen vorgeschlagene Transformation zuerst aus den Gegebenheiten des Ortes, den beteiligten Akteuren und Ihren Vorstellungen für die Zukunft entwickeln. 

Komplementär zum Entwurfsstudio und in Ergänzung zu den methodischen Werkzeugen der Vorlesungen von Mark Michaeli wird im Vorlesungszyklus "Das Projekt der egalitären Stadt" mit Exkursen in acht europäische Städte die Genese wichtiger städtebaulicher Konzepte erläutert. Die egalitäre Stadt ist das wohl wichtigste Motiv des modernen Städtebaus und wurde immer wieder unterschiedlich interpretiert.

Drei Baufelder: Obersendling, Sendling-Westpark, Dreimühlenviertel
Das Studio bearbeitet drei alltägliche Orte in München, die Transformationspotenzial haben oder sich bereits im Umbruch befinden. Wir möchten, dass Sie diese Orte verstehen, diese erkunden und zum Schauplatz urbaner Interventionen machen. Wie diese Intervention aussieht, werden wir gemeinsam im Laufe des Semesters festlegen. 

In Obersendling treffen wir auf Markus Sowa von der Genossenschaft KOOPERATIVE GROSSTADT, Fokus wird hier die Rückgewinnung des Öffentlichen Raums.  Ausgehend vom Parkraum/Parkdeck Aidenbachstraße wird der Stadtraum für neue kooperative Nutzungen zurückzugewonnen und erschlossen. Die Aidenbachstraße, als sechs-spurige Verkehrsachse, durchdringt das von Gewerbe und Wohnsiedlungen durchmischte Bearbeitungsgebiet und verbindet gleichzeitig den Ort mit dem Westpark als Erholungsgebiet im Norden. Das Gebiet war bis zur Schließung der Siemenswerke in den 1990er Jahren „Siemensland“ und wurde durch die baulichen Entwicklungen für die damaligen Werksarbeiter geprägt.

Das Gebiet Sendling-Westpark zeichnet sich durch Nachkriegsarchitektur und großräumige Siedlungen aus. Der Westpark als Erholungszentrum für Besucher aus ganz Münchner schließt direkt an. Ausgehend vom der Hinterbärenbadstraße und einem Verein der Freien Christen und der Stiftung Federkiel ist das Zentrum der Bearbeitung der Nachbarschaftliche Maßstab und wie Kooperation auch soziale Inklusion und nachbarschaftliche Strategien vermehrt einbeziehen kann. Soziale Infrastrukturen sind essenzieller Bestandteil städtebaulicher Entwicklungen und wie diese in alltägliche Quartiere der Nachkriegszeit verstärkt integriert werden können.

Die Alte Utting und der Bahnwärter Thiel stehen in München für selbstinitiierte Kulturstätten und Szeneviertel. Daniel Hahn wird uns über die Entstehung dieser Initiativen und die Möglichkeit der temporären Nutzung des Areals Dreimühlenviertel berichten. Das Viertel zeichnet sich durch die Markthallen und Schlachthofviertel und temporären Nutzungen aus und wird von den Bahngleisen im Norden durchschnitten sowie im Osten von der Isar begrenzt. Durch die Planung des Volkstheathers sowie neuen Wohnquartieren und die Nähe zum Goetheplatz und Glockenbachviertel ist das Viertel stark im Wandel. Hier stellt sich die Frage, wie solche Orte temporär zu Experimentierfeldern werden aber auch wie Kooperationen in der Stadtentwicklung sich in der Zukunft entwickeln?Wir nähern uns dem Ziel dabei über mehrere Komplexitäts- und Maßstabsstufen: Vom kleinmaßstäblichen Eingriff in der Übung - so klein wie eine Bank, ein Baum, ein Fenster… -, der konkrete Auswirkungen auf seine städtische Umgebung hat, bis zum letztlichen Projekt, über dessen kooperative Impulse das ganze Quartier verändert werden kann.

Die Bearbeitung erfolgt in 2-er Teams (Anmeldung über den Projectmarket). Eine Voranmeldung der Gruppen ist leider nicht möglich.

TeilnehmerInnen: max. 55 Studierende

Sprache: Deutsch