Corona-Ethnographien

Feld-Forschung in der Krise

Sommersemester 2020

Prof. Benedikt Boucsein

In der aktuellen Krisensituation stellt sich auch die Frage nach einer Beteiligung der durch das Virus vergleichsweise weniger gefährdeten Studentinnen und Studenten an essentiellen Stellen unseres Versorgungssystems. Zum Beispiel als ErntehelferInnen, da die SaisonarbeiterInnen nicht mehr über die Grenze kommen, als FahrerInnen von Behindertentaxis, da die eigentlichen Freiwilligen oft selber stark durch das Corona-Virus gefährdet sind, oder auch um Essen für Obdachlose einzusammeln bzw. an sie auszugeben. Manche StudentInnen müssen zudem in der aktuellen Situation aus finanziellen Gründen im Semester Tätigkeiten ausführen, die meist schlechter bezahlt sind als ihre regulären Jobs, jedoch die Möglichkeit mit sich bringen, sich in die Gesellschaft einzubringen.

Wir wollen uns dieser Realität nicht verschließen, und wir sehen in ihr eine Gelegenheit zur Feldforschung. So kann eine Tätigkeit im Landwirtschaftssektor ein tieferes Verständnis der Verbindung zwischen Land und Stadt erzeugen und gewisse Aspekte hinterfragen helfen. Und eine Tätigkeit für Behindertentaxis kann die Wahrnehmung dafür schärfen, wie diese spezifische Gruppe den Stadtraum wahrnimmt und welche Hindernisse ihr gerade auch in der aktuellen Situation in den Weg gelegt werden. Dahinter liegen Fragen nach der Resilienz unser Städte, zukünftig sich verändernder Formen der Arbeit, Kapazitäten und Verfügbarkeit städtischer Infrastrukturen und schließlich auch die nach dem öffentlichen Raum.

Die „Corona-Ethnographien“ werden in der Form von Logbüchern verfasst und uns dazu dienen, zu diskutieren, wie unsere Gesellschaft auf veränderte Bedingungen eingeht, und wie dies ihre gegenwärtige Funktionsweise offenlegt. Sie können schriftliche, gezeichnete oder fotographische Dokumente sein. Voraussetzung ist eine außeruniversitäre Tätigkeit (bezahlt oder unbezahlt), die speziell im Zuge der Corona-Krise wahrgenommen wird. Tätigkeiten können durch die Professur nicht vermittelt werden, und sie sollten sicher, legal und versichert sein. Die Tätigkeit kann in München und Umgebung stattfinden, aber auch an anderen Orten, insbesondere falls man dort festsitzen sollte. Von den KursteilnehmerInnen wird erwartet, dass sie die jeweilige Tätigkeit reflektieren und dokumentieren. Gespräche, Interviews und Beobachtungen der Prozesse im Bezug auf den Metabolismus der Stadt spielen dabei eine zentrale Rolle.

Vektoren der Veränderung

Kollaboratives Wohnen

Isabel Glogar, Elettra Carnelli

Wintersemester 2019

Vor dem Hintergrund der anstehenden notwendigen und radikalen Veränderungen unseres Zusammenlebens gewinnen kollaborative Modelle zunehmend an Aktualität. Im Seminar gehen wir der Frage nach, ob kollaborative Wohnprojekte als Pioniere eines gemeinwohlorientierten Wohnens Vektoren der Veränderung und Räume alternativer Wissensproduktion in Städten wie München werden können. Wie können Experimentalräume geschaffen werden, die neue Formen des Lebens und Wirtschaftens erproben?

Das Seminar erforscht gemeinschaftliche Wohnprojekte in München, Wien, Zürich und Bern und gibt Raum für Diskussionen zum Wandel des Wohnens, ökologischen Veränderungen und Ressourcenschonung, Gemeinwohl und Kollaboration sowie gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen des Wohnens. 

Ziel des Seminars ist die Ausarbeitung von Fallstudien, die als Handbuch gesammelt in einem nächsten Schritt zur Vorlage realer Veränderungen in München werden können. Wohnprojekte werden von den Studierenden mit qualitativen und quantitativen Methoden, Beobachtungen, Interviews, Feldforschungen, Foto-/Videodokumentationen analysiert. Stadtforschungsmethoden werden individuell erarbeitet und in Absprache mit den Studierenden festgelegt. Die Erforschung beinhaltet die Kontaktaufnahme mit den ausgewählten Projekten (Videointerviews, Interviews, Begehung).

Akteure. Orte. Entwicklungen.

Seminar Walkscapes Beschleunigung

Sommersemester 2019

Prof. Christiane Thalgott, Isabel Glogar, Daniel Zwangsleitner

Die „Große Beschleunigung“ bezeichnet die Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in der der Einfluss des Menschen auf den Planeten extrem zugenommen hat. In der Seminarreihe interessiert uns zu beobachten, wie sich München in dieser Zeit verändert hat.
Dieses Semester ist das verbindende Thema die Mobilität - als eine der Grundvoraussetzungen der untersuchten Entwicklung. Um das Phänomen zu verstehen, werden wir die Auswirkungen sich verändernder Mobilitätsverhältnisse auf die Stadt und deren Bewohnerinnen und Bewohner thematisieren.

Im Seminar werden Sie die Vielschichtigkeit und die räumlichen Auswirkungen der Mobilität sowie die Mannigfaltigkeit der involvierten Akteure kennen lernen und diskutieren.